GEDANKEN


Texte zum Innehalten und Weiterdenken.

Warum ich Kunsttherapie liebe


Ich liebe Kunsttherapie nicht nur, weil Farbspuren sichtbar machen können, was in uns lebt. Ich liebe sie vor allem wegen der stillen Momente, wenn Menschen gestalten, in ihrem Tempo & sich selbst ernst nehmen.

Ein Strich.
Ein Atemzug.
Ein Staunen.
Ein Innehalten.

Plötzlich muss es genau diese eine Farbe sein. Das leise Rascheln auf dem Papier. Die Spuren, die entstehen. Und dann - manchmal ganz leise - zeigt ein Bild mehr, als vorher geahnt.

Es ist gar nicht immer der große Prozess. Kein Riesenschritt. Oft sind es die kleinen Dinge, die plötzlich groß werden, weil sie da sein dürfen.

Ein Gedanke.
Eine Erinnerung.
Eine Ressource.
Ein Weg.

In solchen Momenten denke ich gern an einen Satz von Marc Chagall:

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, Kunst macht sichtbar.“

Ich liebe diesen Satz. Und ich liebe seine Bilder, weil in ihnen so viel Leben ist & Liebe, so viel Tiefe & Leichtigkeit zugleich.

Das Zitat beschreibt für mich Kunsttherapie: Sichtbar machen, sichtbar werden, entdecken. Neugier auf sich selbst. Das sind die Augenblicke, in denen Menschen vor ihrem Bild stehen - still, sich aufrichten, staunen, atmen, erkennen.

Und dann wird es vollkommen unwichtig, wie ein Bild aussieht. Dann wird es zu einer Kostbarkeit. Fast möchte ich sagen: zu etwas Heiligem.

Darum liebe ich Kunsttherapie. Weil ich immer wieder erleben darf, wie Menschen sich vor ihrem Bild plötzlich aufrichten. Nicht laut. nicht spektakulär. Sondern ganz leise. Als hätten sie etwas wiedergefunden, das längst da war.

Begleitung braucht einen inneren Boden.

Einen Boden unter meinen eigenen Füßen, bevor ich einem anderen Menschen Halt geben kann.

Menschen kommen mit ihren Geschichten zu uns.

Wenn wir trauernde Menschen begleiten, bringen sie ihre Erinnerungen mit. Ihr Vermissen. Ihre Fragen. Ihre Wut. Hoffnungslosigkeit, Sehnsucht. Angst.

Trauer und Tod sind existenzielle Themen. Und gerade deshalb berühren sie auch uns.

Wenn ich mich mit diesen Themen nie auseinandergesetzt habe, wenn ich meine eigenen Verluste nicht kenne oder ihnen ausweiche, dann kann es passieren, dass der Schmerz des anderen meinen eigenen Boden ins Wanken bringt.

Vielleicht tröste ich vorschnell.
Vielleicht suche ich zu schnell nach Lösungen.
Vielleicht reiche ich ein Taschentuch, obwohl Tränen gerade ihren Platz brauchen.

Oder ich verliere mich in der Geschichte des anderen. Ich verliere meinen eigenen Stand. Plötzlich bin ich nicht mehr bei mir. Ich leide mit. Der Schmerz meines Gegenüber wird mein Schmerz. Und genau in diesem Moment verliere ich den Ort, von dem aus ich hilfreich sein könnte.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt.

Manche Themen lösen in uns selbst so viel Angst aus, dass wir ihnen lieber ausweichen. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil sie unsere eigenen Ängste, unsere eigene Endlichkeit berühren, unsere eigenen Verluste, unsere eigenen Fragen.

Wenn ich diese Themen kaum aushalte, wird es schwer, einem anderen Menschen zu sagen: „ Du darfst damit zu mir kommen.”

Ich habe in meiner ehrenamtlichen Seelsorgeausbildung einen Satz gelernt, der mich bis heute begleitet: Der Mensch sorgt gut für sich selbst. Menschen spüren sehr genau, inwieweit ihr Gegenüber bereit ist. Sie entscheiden oft unbewusst, wie viel sie erzählen. Ob sie sich wirklich zumuten können, oder ob sie einen Teil ihrer Geschichte lieber zurückhalten.

Deshalb beginnt Haltung für mich nicht erst beim Gegenüber. 
Sie beginnt bei mir.

Bei meiner Beziehung zu Trauer, zu Tod, zu meinen eigenen Verlusten. Nicht, weil ich unberührbar werden müsste. Das möchte ich keinesfalls. 

Ich brauche einen Boden, der mich trägt. Einen Boden, auf dem ich stehen bleiben kann, auch wenn das Gegenüber ins Wanken gerät.

Genau deshalb schauen wir in DABLEIBEN auf die eigene Trauerbiografie. Auf unsere Ängste, unsere Befürchtungen, unsere Erfahrungen.

Nicht, um irgendwann “fertig” zu werden, sondern um Menschen begegnen können, ohne den eigenen Boden zu verlieren.

& Ein Raumwort 


Ich besuche einen Mann, er ist vor wenigen Tagen Witwer geworden.

Wir sitzen in seinem Wohnzimmer, er erzahlt - von seiner Frau, von ihren Reisen, ihrem Beruf, ihren Hobbys, von gemeinsamen Erinnerungen.
Dann sagt er:

„Weißt du, eigentlich brauche ich gar nicht traurig sein. Meine Frau hatte ein so schönes Leben."

Ich schweige einen Moment, schaue ihn an und sage: "Ich möchte dir ein Wort schenken."

"Meine Frau hatte ein schönes Leben. & Ich bin traurig."
 Er atmet.

Dankbarkeit hilft uns, im Rückschauen Vertrauen ins Morgen zu fassen.
Sie erinnert uns daran, dass ein Leben mehr ist als sein Ende, dass Liebe größer ist als der Tod. Sie hilft uns, einen Menschen als Ganzes zu sehen - mit all den Erinnerungen, dem Lachen, den Wegen, die wir gemeinsam gegangen sind.

Dankbarkeit ist kostbar, wenn sie neben der Trauer stehen darf.

Schwierig wird es, wenn die Dankbarkeit mit einem Aber daher kommt, dann stellt sie sich gegen die Traurigkeit. Wenn sie leise sagt: Eigentlich brauchst du nicht traurig sein. Dann wird aus einer Ressource ein Maßstab. Nicht bewusst. Sondern weil wir gelernt haben, stark zu sein. Uns zusammenzureißen. Die guten Seiten zu sehen. Weiterzumachen.

Das Aber begrenzt.

Es relativiert.
Es widerspricht.
Es stellt Gefühle gegeneinander.
Es entscheidet, welchem Gedanken wir folgen.

Das, was vor dem Aber steht, verliert an Gewicht.

Und genau hier liegt die Herausforderung. Gerade in der Trauer erleben wir viele Gefühle gleichzeitig. Dann bringt uns das Aber in Bedrängnis.
Weil es einlädt, uns für eines dieser Gefühle zu entscheiden.

traurig oder dankbar
sehnsüchtig oder erleichtert
wütend oder liebevoll

Hier öffnet das & einen Raum 

Es nimmt den Schmerz nicht. Es erlaubt, dass verschiedene Gefühle gleichzeitig wahr sein dürfen.  Ambivalenz wird bewohnbar, Das lasst wieder atmen.

Manchmal verändert ein kleines Wort unseren Blick.
Ein Zeichen.
Ein &.

„Ich kann nicht malen!“


Das ist ein Satz, den ich in meiner Praxis am häufig höre.
Und jedes Mal muss ich lächeln.

Denn genau diesen Satz habe ich selbst einmal gesagt. Ich habe die Ausbildung zur Kunsttherapeutin nicht begonnen, weil ich malen konnte.
Im Gegenteil. Ich war überzeugt, dass ich es nicht kann. Auch heute denke ich gelegentlich noch - ich kann nicht malen. 

Dabei habe ich etwas viel Wertvolleres entdeckt.
Nicht das Malen.
Sondern mich.

Ich habe erfahren, dass Bilder nicht perfekt sein müssen, um etwas auszudrücken. Dass Farben sprechen können, wenn Worte fehlen.
Und dass im kreativen Tun oft Antworten auftauchen, nach denen wir lange gesucht haben. 

Ich verstehe Menschen, die zu mir sagen: ,Ich kann nicht malen!
Und gleichzeitig weiß ich: Du musst nicht malen können. Du musst nur bereit sein, dich auf einen Weg einzulassen. Für den Rest finden wir gemeinsam einen Anfang.

Mein Würdekönig


Dieses Bild ist während meiner Ausbildungszeit entstanden.

Es begann mit Kritzeleien. Ziellosen Linien. Strichen. Irgendwann setzte ich diesen Linien eine Krone auf. Und da war er. Mein Würdekönig.

Warum ein König? Ich weiß es nicht. Doch ich weiß, er hat etwas in mir berührt. 

Mein Würdekönig zeigt mir, dass es nicht darum geht, schöne Bilder zu schaffen. Es geht darum, Spuren sichtbar werden zu lassen. Deine Spuren. Dich.

Vielleicht beginnt genau dort, wo wir aufhören, perfekt sein zu wollen, etwas, das uns mit uns selbst verbindet.

Trauer macht sprachlos & sie macht die Hände leer.


Vor wenigen Tagen interviewte mich eine angehende Ergotherapeutin zu Kunsttherapie und Trauerbegleitung für eine Facharbeit. Sie fragte:

Was ist das Besondere an kunsttherapeutischer Trauerbegleitung?

Das Erste, was mir einfiel, war: Tod macht die Hände leer.
Wenn ein Mensch stirbt, wenn wir etwas verlieren, das uns so lieb, so kostbar ist, macht uns das hilflos. Wir stehen mit leeren Händen da.
Kunsttherapie gibt uns die Möglichkeit, unsere Hände wenigstens für einen Moment wieder zu füllen. Mit Pinsel, Farbe, Papier, Ton ...

Wir können Erinnerungen gestalten, Verbindungen sichtbar machen, neue Wege auf dem Papier entdecken und unserem Schmerz, unserer Trauer, unserem Gefühlstohuwabohu eine Form geben.

Ein weiterer Aspekt ist für mich die Sprache.

Trauer ist gefüllt mit Unsagbarkeiten.
Vielleicht, weil wir kein Trauervokabular gelernt haben. Vielleicht auch, weil es gesellschaftliche Vorstellungen davon gibt, was gesagt werden darf und was nicht. Vor allem aber, weil wir für das, was wir gerade erleben und fühlen, keine Worte haben.

Ich finde es immer wieder berührend zu sehen, wie etwas, das plötzlich einen Namen bekommt, greifbarer wird. Ich kann es händeln und einen Umgang damit finden. Und manchmal ist allein das Benennen und das damit verbundene Erkennen schon eine Lösung. Ein Aufatmen.

Ein:
Ah, ja.
Ach darum.
Ach.

Ein dritter Aspekt ist für mich Kunst und Gestaltung in der Schleusenzeit, der Zeit zwischen Tod und Trauerfeier. 

Eine Zwischenzeit, in der viel organisiert werden muss und sich der Tod und die Abwesenheit noch so unwirklich anfühlen. Ich habe erlebt, dass gerade das Gestalten in dieser Zeit sehr hilfreich sein kann, wenn ein Sarg bemalt, ein Urnentuch gestaltet oder kleine Abschiedsgeschenke und Sargbeigaben angefertigt werden. Ich habe erlebt, wie zwischen Tränen Lachen entsteht. Wie Menschen gemeinsam erinnern. Und wie sie später sagen, dass sie dankbar für diese Erfahrung sind und nun anders weitergehen.

Wir begreifen mit den Händen.
Vielleicht kommt das Wort genau daher.
Und vielleicht sind unsere Hände im Begreifen manchmal schneller als Kopf & Herz

Es ist ein Werden, wenn wir Zwischenräume durchschreiten.

Zwischenräume können verunsichern, ängstigen.
Vielleicht gerade deshalb, weil sie keinen festen Boden haben.

Manchmal entscheide ich mich selbst, einen Menschen, eine Arbeit oder eine Situation zu verlassen. Manchmal schubst mich das Leben hinein.

Eine Diagnose.
Ein Abschied.
Ein Tod.

Plötzlich trägt das Alte nicht mehr. Und das Neue hat noch keinen Namen.

Ich glaube, wir sind in diesen Momenten oft zu schnell. Vielleicht, weil wir den Schmerz nicht spüren wollen. Vielleicht, weil wir uns unserer Trauer gar nicht bewusst sind. Oder weil wir alle diesen Satz kennen:

“Hinfallen ist keine Schande, aber liegen bleiben.”

Aufstehen.
Weitermachen.

Das ist es, was oft von uns erwartet wird. Und was wir viel zu oft auch von uns selbst erwarten. Natürlich dürfen wir aufstehen. Aber vielleicht nicht zu schnell.

Wie soll ich auf wackligem Boden stehen?

Ich glaube, man darf auch einen Moment liegen bleiben. Nicht um aufzugeben. Sondern um anzukommen. Um wahrzunehmen:

So ist es gerade.

Das bedeutet nicht, dass ich den Schmerz gutheiße. Es bedeutet nicht, dass ich einverstanden bin. Es bedeutet nur, die Wirklichkeit anzuerkennen. So ist es gerade.

Erst dann kann ich weitergehen.

Nicht ohne Schmerz.
Nicht ohne Trauer.
Sondern mit ihnen.
Denn auch das ist Werden.

In einer Gesprächsübung während einer Ausbildung hat eine Kollegin einmal gefragt: „Möchtest Du ein bisschen jammern?“ Dieser Satz hat mich berührt. Für mich ist das ein Zwischenraumsatz.

Da ist jemand, der sich dazusetzt. Der zuhört. Der meinen Gefühlen Raum gibt. Sie nicht bekämpft. Nicht beschönigt. Nicht besänftigt.

Ich wünsche jedem Menschen jemanden, der den Zwischenraum nicht überspringt. Der sich dazusetzt. Der aushält.

Nicht, um zu reparieren. Sondern weil er weiß, dass nicht jeder Schritt muss sofort gegangen werden.